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Reisen durch AfghanistanSachbücher & Ratgeber
Autor: Jason Elliot / Titel: Unerwartetes Licht
 
Verfasst von:
Thomas Brackmann
 
Am:
02.12.2006
 
Bevor Menschen eine Reise unternehmen, lesen sie einen Reiseführer. Reisen sie jedoch nach Afghanistan, sollten sie Jason Elliots Buch "Unerwartetes Licht" verschlingen. Besser kann Afghanistan aus der Ferne nicht betrachtet werden.

Nur ein Buch schreiben
Mitte der 90iger machte sich Jason Elliot auf zum Hindukush. Hier wollte er lediglich ein Buch schreiben und seine Eindrücke den Menschen zu Hause kundtun. Mehr nicht. Gesagt getan. Mit einer Handvoll Geld in der Tasche, lediglich guter Ausrüstung, war er sich vor der Reise seiner Schwierigkeiten im vom Buergerkrieg gebeutelten Land bewusst. Er schreibt in seinem Buch: "Ich hatte noch keinen Führer, und unterwegs gab es keine Hotels oder Herbergen zum Übernachten. Niemand würde Englisch sprechen, es würde kalt sein, und die Pässe lagen sehr hoch. Dazu kamen noch der Krieg sowie vollkommene Gesetzlosigkeit - alles in allem also die perfekten Bedingungen für eine wagemutige Expedition."

Das Herz Asiens
Elliot nimmt den Leser mit auf diese wagemutige Expedition. Durch das pulsierende Kabul, die eisigen Höhen des Hindukush bis hin die Ängste im Angesicht des Todes. Vielleicht ein wenig naiv hat er sich auf die Reise gemacht, vielleicht ein wenig manchmal zu überzeichnet - doch stets mitreißend, abenteuerlich und um Details bemüht. So schreibt Elliot über das Land inmitten von Asien. Er lässt Muhammad Iqbal zu Wort kommen, der über sein Reiseland sagt: "Asien ist ein lebender Körper, und Afghanistan ist sein Herz. Versagt das Herz, so stirbt auch der Körper. Doch solange das Herz frei ist, bleibt auch der Körper frei. Wenn nicht, wird er zu einem Blatt im Wind."

Kabul das Zentrum Afghanistans
Genau deshalb konnte das Land immer wieder mit einfachen Mitteln gegen seine Eroberer ankämpfen. Timur, Alexander, Dschingis Khan, England, die Sowjetunion und und und. Sie alle versuchten Afghanistan zu beherrschen. Zahlreiche Zeugnisse vergangener Jahrhunderte zeigen die gescheiterten Versuche. Und eben jenes Land durchreist der Autor, meist dabei auf sich gestellt. Seine Reise beginnt in Kabul, der Hauptstadt von Afghanistan.
Schmelztiegel der Kulturen
So schreibt er über Kabul: " Kabul ist ein von Bergen gesäumtes Geschichtsbuch, dessen Buchstaben sich tief in die Gesichter der Menschen eingegraben haben. Bei einem Spaziergang durch die Strassen der Stadt kann man aus den Mienen der Männer und Frauen die Spuren der Jahrtausende ablesen und wird so daran erinnert, dass man einen beispiellosen Schmelztiegel verschiedener Volker betreten hat." Dieser Schmelztiegel ist Zeugnis der vielen Eroberer, die ihre Frauen und Männer zum Teil hier lassen mussten oder die freiwillig am Hindukush hängen geblieben sind.

Der tausendjährige Blick der Kämpfer
Genau diese verschiedenen Typen von Menschen, die nach Afghanistan kommen oder die hier in ihren Clans leben beschreibt er in all ihren Facetten: "Sein Gesicht war von einer so tiefen Schwermut überschattet, dass ich in ihm einen ehemaligen Regierungssoldaten vermutete. Die Männer, die unter den Sowjets gezwungen waren, gegen ihr eigenes Volk zu kämpfen, hüteten in ihren Augen stets ein unbeschreibliches Leid. Es war derselbe Gesichtsausdruck, den Vietnamveteranen auch als `tausendjährigen Blick' bezeichnen. Er war unverkennbar."

Ein Fax aus einer anderen Welt
Schon nach kurzer Zeit in Afghanistan, nach Kämpfen mit Mujaheddin, der Kälte der Berge, dem kargen Essen könnte nichts anschaulicher Sein als der Text eines Faxes aus England, seiner Heimat. Die Zeilen sind ihm so nah, doch auch so schrecklich fern: "Ich hielt mich seit zehn Tagen in Kabul auf. Im Hauptquartier des Roten Kreuzes erwartete mich ein Fax von zu Hause. Meine Schwester hatte neue Vorhänge gefunden, passend zu ihrem Teppich. Das Wetter in England sei jämmerlich, es schneie. Und wie sehe es bei mir aus? Es war wie eine Nachricht von einem anderen Planeten."

Der Tod ist fast überall
Während andere Menschen sich in ferne Länder aufmachen, um als Touristen die Staaten zu entdecken, kam der Autor in dieses Land, um dessen Seele zu ergründen. Der Leser ist dabei der Assistent des Forschers. In guten wie in schlechten Zeiten: "Ich hörte wie sich in mir ein Schrei löste, für den toten Mann und auch für alle Menschen, die jemals im Krieg ihr Leben gelassen haben."
Doch auch die Landschaft machte ihn zu schauen. Eindrucksvoll stellt der Verfasser dies heraus. Besonders wenn er über die Berge zieht, wird es dem Leser schwindelig: "Je höher der Pfad sich zog, desto bedrohlicher wurden diese Begegnungen. Es war, als würde man auf einem Pferd in der fünften, zehnten oder manchmal gar der zwanzigsten Etage über einen Balkon ohne Geländer reiten und dabei versuchen, sich den Platz noch mit jemanden zu teilen." Oder aber er bewegt sich mit einem klapprigen Fahrzeug...:""Während des Anstiegs heulte der Motor immer verzweifelter. Er gab zweierlei Geräusche von sich: eine Art Jammern, das tief aus seinem Herzen drang und flehentlich um einen höheren Gang bat; darüber legte sich das dumpfe Dröhnen der beanspruchten Zylinder. Es war, als würden wir auf einem mechanischen Drachen reiten, der an einem Lasso hing und dessen animalische Energie sich auf jede einzelne Naht und Niete übertrug."

Natürlich musste es ja auch wieder hinab. Ständig in Todesangst: "Ich wusste nicht, was schlimmer war: nicht mehr nach vorn sehen zu können und somit alle Hoffnungen aufzugeben oder auf diesen Hauch einer Chance zu verzichten und mich blind dem Schicksal zu übergeben.

Das unerwartete Licht
Stets stieß man vor schroffer Kulisse auf unerwartet aufleuchtende Schönheit, ähnlich wie ein Lichtstrahl, der in eine Höhle fällt. Es war wie ein süßer Moment, der aus vielen mittelmäßigen Erlebnissen hervorstach und Empfindungen auslöste, die vergleichbar waren mit dem Blick auf ein fruchtbares und liebevoll bepflanztes Tal nach einem stundenlangen Marsch durch kahle Berge."

Die Menschen am Hindukush
Und in all diesen Gegensätzen lebten die Menschen Afghanistans. Die Paschtunen, die Hazara, die Tadschiken, die Usbeken. Das Aufeinandertreffen ist bei Elliot stets ein bewegender Moment. Denn es prallten stets die westliche als auf die afghanische Welt. Seine Eindrücke schildert er so: "Es war nicht allein das Leid der Bevölkerung, das derartige Gefühle in mir hervorrief, sondern vor allem die ruhige Gelassenheit, mit der die Menschen ihr Schicksal ertrugen. Sie flüchteten sich nicht einmal im Zynismus, obwohl dies angesichts ihres schweren Schicksals nur verständlich gewesen wäre. Statt dessen lächelten sie immer noch."

Der Sinn des Lebens
Stets macht er sich seine Gedanken über die eigene Welt. Stellt sie bisweilen in Frage und kommt dann zum Kern des Ganzen, indem er in wenigen Zeilen die Frage nach dem Sinn des Lebens herausstellt: "Doch was braucht ein Mensch im Grunde? Etwas zu essen jeden Tag, Wärme und ein Obdach, ein Bett, in das er sich legen kann, und irgendeine Art von Betätigung, die ihm ein Gefühl von Erfüllung gibt. Das ist alles - zumindest soweit es das Materielle betrifft. Und das wissen wir auch. Aber unser Wirtschaftssystem hat uns einer derartigen Gehirnwäsche unterzogen, dass wir in einem Grab enden werden unter einer Pyramide von Ratenzahlungen, Hypotheken, absurden technischen Spielereien und Spielzeugen, die unsere Aufmerksamkeit von dieser idiotischen Farce ablenken. Die Jahre brausen vorbei, und die Träume der Jugend verblassen, während sie in den Schrankfächern der Geduld verstauben. Und ehe wir uns versehen, ist der Sarg versiegelt. Aber worin liegt dann die Antwort? Ganz einfach - in der Tatsache, dass wir wählen können zwischen dem Bankrott der Brieftasche und dem Bankrott des Lebens."

Dem Konsumenten bleibt jetzt die Wahl dieses Buch zu lesen oder eines der besten Werke der Reiseliteratur zu verpassen. Es ist ein Muss für alle, die es nach Afghanistan zieht.


Verlag: Piper
Erscheinungsdatum: November 2003
Seitenzahl: 485
ISBN: 3492239935
Preis: EUR 12,90
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